Auf Spurensuche- Eine Reise durch die Interkulturalität des Ganztags

Die Serviceagentur ‚Ganztägig lernen‘ Hessen (SAG) hat am 28.05.2019 in der Evangelischen Akademie in Frankfurt am Main eine Fachtagung mit einem ganz besonderen Schwerpunkt organisiert. „Ganztagsschule als Interkultureller Ort“, so der Titel der Veranstaltung, die Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen und sozialpädagogische Fachkräfte aus dem Bereich               Foto: © Jan Kammann Ganztagsschule und Schulkindbetreuung aus ganz Hessen zusammenbrachte.  

Neben Vortrag und Workshops gab es die Möglichkeit des Erfahrungsaustausches in der Umsetzung des Ganztags. Ziel der Veranstaltung war es, den Begriff der „Interkulturalität“ als persönliche Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit ins Gespräch zu bringen und diese als hilfreichen Ansatz für das Management von Vielfalt in der Ganztagsschule erfahrbar zu machen.

Astrid Lütkenhaus (SAG) setzt mit ihrem Eingangsstatement wichtige Wegmarkierungen für diesen Tag. Ganztagsschule als „Schule für alle“ ist einer Pädagogik der Anerkennung und Wertschätzung verpflichtet. Die soziale, kulturelle und religiöse Pluralität der Schülerschaft wahrzunehmen und sich gegen Rassismus und Ausgrenzung zu stellen, ist ein Auftrag an alle Fachkräfte vor Ort. Zur Verbesserung der Bildungsbeteiligung und Optimierung der Lernleistungen sind pädagogische Konzepte, aber auch der professionelle Umgang mit der Diversität notwendig. Einen Weg hierzu bietet der Erwerb interkultureller und interreligiöser Kompetenzen der professionellen Akteure an den Ganztagsschulen.

Den Auftakt der Veranstaltung bildete der Vortrag von Jan Kammann. Er ist Lehrer am Gymnasium Hamm und hat einen ganz persönlichen Umgang mit Interkulturalität in seinem Arbeitsfeld entwickelt. In seiner „Internationalen Klasse“ kommen Jugendliche mit eigener Migrationsgeschichte zusammen und müssen dort die ersten Schritte in Richtung Integration und Spracherwerb gehen. In der Arbeit mit diesen jungen Menschen ist der Wunsch entstanden, sich auf die Spurensuche nach der „kulturellen Wurzeln“ und Herkunft seiner Schülerinnen und Schüler zu machen, um sie besser zu verstehen. Die Erfahrungen, die er in seinem einjährigen Sabbatical sammeln konnte, hat er als Buch veröffentlicht. Die Lesung einiger seiner Reiseberichte aus „Ein deutsches Klassenzimmer"- 30 Schüler, 22 Nationen, 14 Länder, nahm die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung gedanklich mit auf diese Reise:

In humorvollen und manchmal nachdenklichen Tönen äußert sich Kammann in seinem Buch zu den Lebensbedingungen und Bildungssystemen der verschiedenen Länder, aus denen seine Schülerinnen und Schüler kommen. Eine Reise, die mit ganz viel Fremdheitserfahrung, Selbstreflexion und interkulturellem Lernen in der Begegnung mit den Menschen vor Ort verknüpft war. Herr Kammann zeigt an seiner persönlichen und professionellen Entwicklung auf, welchen Einfluss diese Reise auf seinen Schulalltag und seinen Umgang mit den Schülerinnen und Schüler hat. Die Erstellung von „Reiseführern“, also individuellen Beschreibungen der Jugendlichen über ihre Heimatländer, ihre Besonderheiten, sprachliche Wendungen usw. sind Bestandteil seines pädagogischen Konzeptes, dass er in den Lehrplan miteinbringt.

In den beiden folgenden Workshops ging es um eine Konkretisierung des Begriffes „Interkulturell im Ganztag“.

Der erste Workshop widmete sich den Kindern aus Romafamilien und Herausforderungen, denen Schulen und Lehrkräfte in diesem Zusammenhang begegnen können. Den Umgang mit den konkreten Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit den Familien, bei Verhaltensauffälligkeiten und die Chancen des Ganztags, die sich in diesem Zusammenhang bieten, hat Sabine Ernst, Leiterin der Kita Schaworalle des Förderverein Roma, thematisiert und dabei hilfreiche Einblicke gegeben. Sie schöpft dabei aus ihren Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre in der Arbeit mit Romafamilien. Durch sachgemäße Informationen können Zugänge zu einem besseren Verständnis für die Lebenswelt dieser Menschen geschaffen werden. Denn auch heute gibt es Vorurteile und Klischees in Hinblick auf diese Minderheit, aus denen Diskriminierung auch im Schulsystem erwächst. Die Aufklärung über die Vorstellungen von Familie, Erziehung und kultureller Prägungen der Roma und Sinti Familien ist in den relevanten Schulen und für die dortigen Lehrerinnen und Lehrer unentbehrlich. Ziel ist es, Kindern die Teilhabe an den Bildungsmöglichkeiten zu erleichtern und eine gute Zusammenarbeit mit den Familien zu ermöglichen.

Der Workshop „Migrationssensibler Umgang im Klassenzimmer“ hat den Ansatz der Interkulturellen Kompetenz bzw. Kommunikation in der Schule als hilfreiche Methode vorgestellt. In der Ganztagsschule bildet sich die soziale, kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt unserer Gesellschaft ab, die auch Anforderungen an alle Akteure vor Ort stellt. Workshopleiterin Gülbahar Erdem (Theologin, Islamwissenschaftlerin, Referentin für interkulturelle Kompetenz und interreligiösen Dialog) gestaltete aus den Erfahrungen ihrer verschiedenen Praxisfelder einen facettenreichen Zugang zum Thema. In einem interaktiven Vortrag wurden Aspekte der Migrationsgeschichte, Grundbegriffe der Interkulturellen Kompetenz und Kommunikationstheorien dargestellt. Der Brückenschlag zwischen theoretischen Ansätzen zum Schulalltag wurde anhand fiktiver und realer Fallbeispiele entwickelt. Wertschätzung, Offenheit, Empathie und Akzeptanz sind zentrale Bestandteile einer interkulturellen Haltung und beginnen bei jedem selbst.
Willst du ein guter Kommunikator sein, dann schau' auch in dich selbst hinein!“ wie von Friedemann Schulz von Thun formuliert, ist ein Leitgedanke in diesem Zusammenhang. Pädagogische Akteure im Ganztag sind gefordert, sich auf diverse kulturelle und religiöse Wertevorstellungen, Bedarfe oder Kommunikationsmuster ihrer Schülerinnen und Schüler und deren Eltern einzulassen.
Wie das kultursensible ‚Management‘ solcher Situationen mit Selbstreflexion, Hintergrundwissen über kulturelle und religiöse Motive und einer wertschätzenden Kommunikation erfolgen kann, wurde aufgezeigt.

Die Veranstaltung hat ein wichtiges Thema für die pädagogischen Akteure in den Ganztagsschulen aufgegriffen. Das große Interesse durch die Teilnehmenden verdeutlicht, dass das Thema des kultursensiblen Umgangs in den Schulen aktuell ist und diesbezüglich Handlungsbedarf besteht. Die interkulturelle Kompetenz ist eine persönliche Haltung, die professionelles Handeln und gelingende Kommunikation im Schulkontext ermöglicht, die aber einen Lernprozess braucht. Sie wird erlernt und entwickelt sich in der Praxis bzw. alltäglichen Begegnung mit Schülerschaft und Eltern (lebenslang) weiter. Sie erfordert aber auch immer wieder fachliche Vertiefung in speziellen Fortbildungen. Die Impulse dieser Veranstaltung können dazu beitragen, die interkulturelle Kompetenzentwicklung schulischer Akteure zu etablieren und in den Ganztagsschulen damit eine besondere Interaktions- und Kommunikationskultur zu fördern, was allen Beteiligten im Schulalltag zugutekommt.

Autorin: Gülbahar Erdem
MA. phil., Theologin, Islamwissenschaftlerin, Promovendin an der FAU Erlangen-Nürnberg, Referentin für interkulturelle Kompetenz und interreligiösen Dialog.

Datum: 18.06.2019
© www.hessen.ganztaegig-lernen.de


Weitere Informationen:
Dokumentation der Fachtagung "Ganztagsschule als Interkultureller Ort", 28. Mai 2019 in Frankfurt

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