8. Ganztagsschulkongress "Ganztagsschule verändert." der DKJS in Berlin

8. Ganztagsschulkongress "Ganztagsschule verändert." der DKJS in Berlin

Erfahrungsbericht über den Ganztagsschulkongress am 4./5. November 2011 im Berliner-Congress-Center (bcc)

  Ein Bericht von Melanie La Fauche

Als „Junglehrerin“ (Förderschule für Lernhilfe) mit drei Jahren Berufserfahrung und ganz neu im Team der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen schaue ich noch nicht auf einen besonders großen Erfahrungsschatz in Sachen Fortbildungen etc. zurück und ich freue mich sehr auf meinen ersten mehrtägigen Kongress.

Bereits der Anblick des großen, modernen bcc und das rege Treiben zwischen den dicht an dicht stehenden Ständen der Serviceagenturen „Ganztägig lernen“ der Bundesländer nebst ausgewählten Schulen sowie von weiteren Ausstellern, welche zu verschiedensten Bereichen des großen Themas Ganztagsschule ihre Service- und Beratungsangebote präsentieren, macht deutlich, dass es um ein sehr wichtiges und vielfältiges Thema geht: Ganztagsschulen. Entsprechend waren auch Personen aus der politischen Landschaft, z. B. die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler anwesend und besuchten unter anderem auch den hessischen Stand.

Frau Henzler am Stand einer der Ausstellerschulen von Hessen

Frau Henzler am Stand einer der Ausstellerschulen von Hessen

Während der ganzen 1 ½ Tage des Kongresses schwanke ich zwischen gegensätzlichsten Gefühlen: Hilfe, wie soll man das alles schaffen?! – Das kann ich schon ganz gut! – Packen wir es einfach Schritt für Schritt an… Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut!

Während der Einstimmungsphase auf die Kongresstage nimmt Jeanette Huber aus dem Zukunftsinstitut die Zuhörer dann mit auf eine Zeitreise. Es wird deutlich, dass in unserer Zeit Veränderungen in vielen Bereichen sehr schnell geschehen. Zur allgemeinen Belustigung aller Zuhörer blickt sie dazu auf die Entwicklung der Mobiltelefone zurück und lässt auch die Autoindustrie illustrieren, dass allein die letzten 10 bis 20 Jahre enorme Entwicklungen hervorgebracht haben.
Als Kongress-Neuling und mit dem Vorsatz, so viel wie möglich mit nach Hause zu nehmen, schweifen meine Gedanken kurz ab und ich frage mich, was sich in den Schulen, welche ich kenne, in den letzten Jahren verändert hat und stelle sehr schnell fest, dass es nicht sehr viel ist – und ich muss vor mir selbst zugeben, dass ich auch (noch) nicht so innovativ bin. Ich frage mich, warum das wohl so ist und komme zu folgenden Überlegungen:

  1. Ich bin nicht motiviert genug und interessiere mich nicht für Neues. – Diese Hypothese verwerfe ich aber sofort wieder, bin ich doch auf diesem Kongress und probiere ständig neue Dinge aus.
  2. Ich habe diese Art lernen bereits selbst in meiner Schulzeit erlebt und der Mensch lernt nun mal (in diesem Fall leider) besonders gut durch Imitation. Zudem habe ich während meiner noch nicht so weit zurückliegenden Ausbildungsphase (Abschluss 2009) kein einziges Wort zur veränderten Aufgabenstellung für und Lernkultur in einer Ganztagsschule gehört. Und im Vorbereitungsdienst war ich dann plötzlich „Ganztagsschul-Lehrerin“. – Ich fürchte sehr, dass dieser Punkt „Gewohnheit“ eine böse Falle ist, aus welcher man sich nur langsam befreien kann.
  3. Die Vorstellung, bei so einer verantwortungsvollen Aufgabe wie der Ausbildung, Erziehung und Betreuung von Schülern „einfach so herumzuexperimentieren“, widerstrebt mir völlig. – Das ist bestimmt für so manchen Lehrer ein Hindernis, man sollte sich aber nicht komplett davon abschrecken lassen, sondern vielleicht klein anfangen.

Aus meinen Gedanken wieder aufgetaucht lausche ich dem Eröffnungsvortrag von Dr. Mats Ekholm (Universität Karlstad, Schweden) und wünsche mir sehr, er würde doch etwas konkretere Praxisbeispiele einer guten Ganztagsschule nennen und näher beschreiben. Er hält seinen Vortrag auf sehr gut verständlichem Deutsch, für ihn eine Fremdsprache von mehreren, was ihn sehr sympathisch macht.

Anschließend sehen wir Manuel Andrack (Journalist), welcher sämtliche Klischeevorstellungen über Lehrer ausbreitet und behauptet, dass das ja nicht so schwer sein kann. Er stellt sein Experiment „Lehrer auf Zeit – der Promipauker“ vor. Mit großer Genugtuung sehe ich ihn in der Film-Dokumentation scheitern und höre ihn zugeben, dass es eben nicht so einfach ist! Und schon steigt mein Selbstbewusstsein bezüglich meiner Kompetenzen und meines Engagements wieder!

Schülerinnen mit Lehrerin einer der Ausstellerschulen von Hessen

Schülerinnen mit Lehrerin einer der Ausstellerschulen von Hessen

Nach einem leckeren Mittagessen stelle ich in einem angeregten Gespräch mit dem Schulleiter einer ausstellenden Schule die Angebote der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ genauer vor. Die Schule ist offensichtlich für ihre Hip-Hop-Gruppe bekannt und diese umringt nun uniformiert in farblich abgestimmten Baggy-Pants, weiten Pullis abgerundet mit passenden Accessoires wie Baseball-Caps und auffälligem „Bling-Bling“-Schmuck ihren Schulleiter und posiert für Fotos. Auch für sie und viele weitere Schüler ist der Kongress ein Ereignis, welches festgehalten werden muss.

Nun begebe ich mich in meinen ersten Workshop „Einzelkämpfer adé – Wie verändern Partner die Ganztagsschule?“ Die freie Künstlerin Ute Reeh „workt“ zu Beginn kurz mit uns und lässt uns einen Lieblingsstandort im Raum einnehmen, welchen wir dann einem zuvor zugeteilten Partner zeigen und erörtern. Anschließend stellt sie uns ein Projekt vor, in welchem sie mit Förderschülern gemeinsam ihre Schule zu ihrem Lern- und Aufenthaltsort gemacht hat. Ihre Ernsthaftigkeit und Wertschätzung den Kindern und Jugendlichen gegenüber beeindrucken mich sehr und ich „shoppe“ Ideen für die konkrete Arbeit an meiner Schule.
Leider verpasse ich durch die Teilnahme an dem Workshop so interessant klingende Vorträge wie „Lernziel Lebensfreude. Wie das Unterrichtsfach ‚Glück’ die Schule verändert“, aber irgendetwas verpasst man hier wohl immer. Man muss sich halt entscheiden.
Mit einem Stück Kuchen in der Hand suche ich den nächsten Raum und sehe nun, warum das Trommeln der Cajones momentan nicht mehr auf allen Ebenen zu hören ist, sie werden von den Schülern kunstvoll bemalt.
Der zweite Workshop ist eher ein Vortrag. In diesem gewinne ich den Eindruck, dass von Schule tatsächlich immer mehr erwartet wird. In „Die Ganztagsschule braucht Beratung – Wie können externe Berater unterstützen?“ wird in Fallbeispielen deutlich, dass die Schule besonders dann, wenn es kritisch wird, häufig an einem Tisch mit dem Jugendamt sitzt und eine Kooperation für die Verbesserung der Situation der Kinder und Jugendlichen, aber auch der Eltern, unerlässlich ist. Dass man dabei nicht immer Erfolgsgeschichten schreibt, sondern auch Niederlagen hinnehmen muss, ist eine bittere Pille, welche man hin und wieder schlucken muss.

Gar nicht bitter ist der Ausklang dieses Tages. Zu jazzigen Klängen genießen wir das Abendessen im Rahmen des Empfangs, welchen die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gemeinsam mit der Jacobs Foundation ausrichtet und kommen bei einem Glas Wein zur Ruhe. Um mal auf ganz andere Gedanken zu kommen, „battlen“ sich einige meiner Kollegen im Sing-Star mit Schülern, welche dann noch in begleiteten Gruppen das Berliner Abend-/Nachtleben erkunden.

Der nächste Tag beginnt bei strahlendem Sonnenschein mit frischem Kaffee und sündhaft leckeren Croissants. So gestärkt begebe ich mich in meinen letzten Workshop „Spannende Lernräume, gesundes Essen und fitte Lehrkräfte – Was macht eine Schule zum Lebensort?“ und bekomme gleich ein schlechtes Gewissen… entsprach doch meine Ernährung der letzten Tage so gar nicht meinen sonstigen Gewohnheiten und ich merke, dass ich nicht nur viele Informationen aufgesaugt habe, sondern auch alle Speisen, die überall angebotenen Äpfel ausgenommen, probiert habe… Als Christoph Bier (Vernetzungsstelle Schulverpflegung, Saarland) dann berichtet, dass das „Snacken“ ernährungswissenschaftlich gesehen ein zunehmendes gesellschaftliches Problem darstellt und die Folgen von Fehlernährung, besonders der daraus resultierenden Fettleibigkeit erläutert, bin ich angesichts der Zahlen schockiert. Weiterhin berichtet er, dass das Saarland es jedem Kind ermöglicht, in der Schule zu Mittag zu essen – das wünsche ich doch allen Bundesländern. Dass aber auch dort die Qualität und der Preis des Essens (der für die Kommunen etc. ja trotzdem noch eine Rolle spielt) immer wieder ein Diskussionsthema ist, lässt die zunächst perfekt erscheinende Situation wieder sympathisch realistisch erscheinen.
Nun setzt Dr. Patricia Liebscher-Schebiella (sächsisches Bildungsinstitut) noch einen drauf: Kinder und Jugendliche nehmen das meiste Wissen nicht im Unterricht, sondern in anderen Settings auf. Dass sie berichtet, dass sich Kinder und Jugendliche während der Schulzeit zu wenig bewegen – nämlich, den Sportunterricht mal ausgenommen, nur in den Pausen, wundert allerdings keinen der Zuhörer.
Nachdem die Teilnehmer allerlei Informationen zu diesem Thema erhalten haben, begeben wir uns alle in eine Arbeitsphase. Leider habe ich hier die Qual der Wahl und kann nicht an allen angebotenen Themen mitarbeiten, gehe aber trotzdem mit allerlei Anregungen aus dieser Veranstaltung.

So voll wie mein Kopf und mein Bauch nach diesen 1 ½ Tagen sind, so voll ist auch der Kuppelsaal, in welchem die Eindrücke des Kongresses nun schließlich zusammengefasst werden. Und vor dem Bildschirm im Erdgeschoss, wo die Übertragung aus dem Kuppelsaal ausgestrahlt wird, ist der Geräuschpegel so hoch, dass ich den Beitrag von Paul und Willi mit ihrem Improvisationstheater und Geräuschpantomime nicht wirklich verfolgen kann.
 

Gruppenbild der Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Hessen

Gruppenbild der Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Hessen

Ich begebe mich also zu meinen Kollegen am SAG-Stand und sichte mit ihnen, was von diesem Kongress übrig geblieben ist: Nur noch wenige Informationsbroschüren und /CDs der SAG Hessen, aber viele Tüten mit Material von anderen Ständen.

Nun sitze ich im Zug Richtung Heimat und verdaue sämtliche kulinarische und geistige Eindrücke des Kongresses und bin mir bewusst, dass es deutlich länger dauern wird, das mitgenommene Material zu lesen, als die Zugfahrt dauern wird. Außerdem bin ich geradezu trunken von all den Eindrücken – da bin ich schon fast froh, dass ich nicht in der VeränderBar war, obwohl dieses Format auch sehr interessant klang. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr. So satt von allem stecke ich alle Sachen wieder zurück in meine Tasche, in welcher ich auch meinen mitgenommenen Apfel einfach liegen lasse, schaue aus dem Fenster und trinke einen Schluck Wasser – das soll gesund sein und das Denkvermögen fördern. Und jetzt denke ich noch etwas über den Kongress nach, über das, was ich schon gut mache und das, woran ich wirklich mal arbeiten sollte. Aber alles in kleinen, bekömmlichen Portionen.

Autorin: Melanie La Fauche
Fotos: Team der Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Hessen
Datum: 28.11.2011
© www.hessen.ganztaegig-lernen.de