Buchempfehlung: Ganztagsschule oder Halbtagsschule? Zeitkonzepte in Hessen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Bd. 2

Gerne weisen wir heute auf eine besondere Veröffentlichung hin, die sich dem Thema Ganztagsschule aus historischer Perspektive nähert. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung der Autorin die Rezension von der Seite des Ganztagsschulverbands Hessen.

Guido Seelmann-Eggebert: Ganztagsschule oder Halbtagsschule? Zeitkonzepte in Hessen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Bd. 2 der Reihe „Studien zur Schulgeschichte“ – herausgegeben von Volker Titel im Auftrag der Akademie für Ganztagsschulpädagogik (AfG)

Besprechung von Kristina Bartak-Lippmann

Wenn ein Autor wie Seelmann - Eggebert, der für sein Engagement für die Ganztagsschule nicht nur in Hessen bekannt ist, sein neues Buch wiederum mit „Ganztagsschule oder Halbtagsschule?“ betitelt (und dahinter auch noch ein Fragezeichen setzt), so mag dies zunächst irritieren. Es geht diesmal um Hessen (Band 2 nach Bayern) und es handelt sich um den „Teil eines noch nicht abgeschlossenen Forschungsprojektes zur Entstehung der >modernen< Halbtagsschule vor ca. 150 Jahren in Deutschland“. Das macht neugierig. Geht es ihm hier um Halbtagsschule oder Ganztagsschule? Bei der Lektüre wird es klar: Es erschließen sich dann in der Tat ganz neue Erkenntnisspielräume und Begründungszusammenhänge für genau dieses pädagogische, sozial- und bildungspolitische Engagement, für eine Zukunftsorientierung im Bildungswesen, für Teilhabechancen und Bildungsgerechtigkeit, für ‚neue‘ Zeitkonzepte, für die so notwendige Weiterentwicklung der rhythmisierten Ganztagsschule – nicht nur in Hessen. Die Blick-Richtung vermag sich zu drehen … und mit ihr auch Denk-Richtung und Perspektive: Nicht die Ganztagsschule ist „neu“. Sie vermag auf jahrhundertealte Tradition und Erfahrung zurückgreifen. Nein, die ‚ungeteilte‘ Schule, die Halbtagsschule (sowohl die ‚traditionelle‘ Halbtagsschule auf dem Land mit reduzierter Stundenzahl / z.T. im ‚Schichtbetrieb‘ als auch die ‚moderne‘ Halbtagsschule in den Städten mit allen Stunden am Vormittag) entwickelt sich erst viel später Ende des 19. Jahrhunderts und wird von Seelmann – Eggebert anhand umfangreichen Archivmaterials als ‚Notlösung‘, ‚Sonderweg Deutschlands‘ („Fehlentwicklung“) und ‚Interimsmodell‘ entlarvt – jeweils abhängig von gesellschafts- und bildungspolitischen Zusammenhängen, Bedingungen und Interessen.

Überraschend – eine derartige Studie gibt es in dieser Form in Literatur und Forschung für Hessen so noch nicht. Seelmann – Eggebert öffnet uns Archive, recherchiert umfangreich und fördert ausgesprochen interessantes Material zu Tage: Viele Originaldokumente, voran die beispielhaften Stundenpläne aus hessischen Städten und ländlichen Regionen, anschauliches Bildmaterial, Quellentexte und spannende Hintergrundinformationen. Die ‚ausgegrabenen‘ Quellen decken ein weites Spektrum ab. Da würde man sich an mancher Stelle noch eine intensivere Herausarbeitung von Interpretations- und Argumentationshinweisen für die aktuelle Auseinandersetzung in der Bildungs- und Schulentwicklung wünschen. Andererseits bietet genau diese klare Ebene der darstellenden Archivarbeit dem Leser viele Möglichkeiten für eigene Spielräume und das eigene Aufspüren von auch historischen Begründungszusammenhängen für die aktuelle Weiterentwicklung der rhythmisierten Ganztagsschule:

➢ Weiterentwicklung im Hinblick auf eine inklusive Schule der Zukunft für jedes Kind - auch unabhängig von seiner Herkunft - mit einem entsprechend fundierten Zeitkonzept über den >geteilten< Tag

➢ Weiterentwicklung im Hinblick auf eine Schule, die Bildung und Erziehung mit individuellem und sozialem, interkulturellem und selbständigem Lernen verbindet, neue Lehr- und Lernformen ermöglicht und über die ‚Paukschule‘ weit hinausgeht.

So wird Seelmann - Eggebert seinem selbst formulierten Anspruch gerecht, dass mit diesen Nachforschungen zur Entstehung der >modernen< Halbtagsschule in Hessen nicht nur „ein Beitrag zur Schließung dieser Lücke geleistet“ … sondern „zugleich der aktuelle Prozess hin zu einer in der Tat >modernen< und rhythmisierten Ganztagsschule unterstützt werden“ soll, wie sie von der Reformpädagogik geprägt wurde, „an der das gemeinsame Leben und Lernen im Mittelpunkt der rhythmisierten ganztägigen Schulgestaltung steht“. Seinem Zitat des Bildungsforschers Wolfgang Böttcher zum ‚Sinn‘ historischer Perspektiven „Wer nach vorne fahren will, sollte mal in den Rückspiegel gucken“, ist nur noch hinzuzufügen: Seelmann - Eggebert gelingt es, bei all seinen Recherchen im ‚Rückspiegel‘ auch in die Seitenspiegel zu schauen und den Blick wieder nach vorne hin auf die zukunftsorientierte Weiterentwicklung der rhythmisierten Ganztagsschule zu lenken. Gut und spannend zu lesen … und anzuschauen. Die vielen Bilddokumente lockern die ‚neue‘ Geschichtsstunde überdies informativ auf und die Überschriften am Seitenrand erleichtern die Übersicht beim großen Sprung über die Jahrhunderte. Ausgesprochen lesenswert für alle, die sich für die dringend notwendige, längst überfällige (Ganztags-)Schulentwicklung in Hessen - und darüber hinaus - verantwortlich fühlen, sich dafür interessieren und einsetzen, selbst mitten im Prozess stehen und/oder sich in der Diskussion über zeitgemäße und zukunftsorientierte Bildung und Erziehung engagieren: Pädagogen im weitesten Sinne, Politiker, Wissenschaftler, Eltern, Studierende etc. … Eine Bereicherung für die bildungspolitische Diskussion – ganz ohne Fragezeichen !

Gießen, im Mai 2020 Kristina Bartak - Lippmann Rektorin a.D., langjährige Schulleiterin der Ganztagsgrundschule Gießen-West und Mitglied im Vorstand des Ganztagsschulverbandes GTSV e.V. Hessen